Für Selbständige, die derzeit überlegen, auf Linux umzusteigen, stellt sich letzten Endes auch die Frage, mit welcher Software sie ihre Buchhaltung erledigen möchten. Eine Lösung bietet Lin-HaBu der MC Richter GbR. Das Programm ist zwar nicht kostenfrei verfügbar, überzeugt dafür aber mit solidem fachlichem Hintergrund.
Für meinen Test habe ich einen Monat lang parallel mit Lin-HaBu gearbeitet. Als gelernter Steuerfachwirt lag mein Fokus dabei auf der Nutzerfreundlichkeit und Anwendbarkeit in der Praxis.
Installation
Das Programm war bei meiner Recherche bereits mein Favorit, für mich als Linux-Neuling stellte sich die Installation aber als schwierig heraus. Daher musste ich mich erst mit Linux-Funktionen vertraut machen, bevor ich die Hürde der Installation nehmen konnte. Danach war die Einarbeitung aber kein Problem mehr. Alternativ ist auch eine kostenpflichtige Einrichtung durch die Anbieter möglich.
Für alle, die noch kein Linux haben, gibt es zudem auch jeweils eine Variante für Microsoft und Apple.
Anwenderkreis
Das Programm richtet sich an Erfahrene und Fachkräfte und bietet daher viele Funktionen für die Praxis von Kaufleuten an. Neben Angebotserstellung und Kostenstellen-Buchhaltung verfügt das Programm auch über die Möglichkeit Reisekostenabrechnungen zu erstellen. Es ist sowohl für Bilanzbuchhaltung als auch Einnahmen-Überschuss-Rechnung (EÜR) geeignet und verfügt über die geläufigen Standardkontenrahmen, die individuell erweitert werden können. Sogar eine Vereinsbuchhaltung ist mit Lin-HaBu möglich. Für Buchhaltungs-Neulinge ist das Programm aber nur bedingt zu empfehlen.
Nutzeroberfläche
Die Nutzeroberfläche ist zweckmäßig, die Menüführung ist nachvollziehbar und wird auch durch Graphiken unterstützt.
Bedienbarkeit
Aufgrund der umfangreichen Funktionen war die erste Nutzung für mich nur mithilfe des Handbuchs möglich. Hier glänzen die Anbieter dann auch mit einem großen Umfang inklusive allgemeiner Erklärungen zur Buchhaltung und einem Extra mit Tipps & Tricks.
Das Programm ist Modular aufgebaut, weshalb sich viele einzelne Fenster öffnen, was schnell unübersichtlich werden kann. Das Buchen an sich funktioniert über eine Eingabemaske, in der auch Belege eingelesen und verknüpft werden können. Leider gibt das Programm keine Rückmeldung, wenn eine Buchung verarbeitet wurde, weshalb ich am Anfang mehrmals den Button für „Buchen“ geklickt habe und somit die ersten Buchungen mehrmals ausgeführt habe.
Einen großen Vorteil bietet das Programm mit der Anwendung von maschinellem Lernen (KI): Im Hintergrund wertet das Programm die Belege und Buchungen aus, somit wird die Datenerfassung weitgehend automatisiert. Dieser Standard des Marktführers bei der Belegerfassung wird daher auch in Lin-HaBu umgesetzt.
Das Preismodell
Im Gegensatz zu vielen cloud-Lösungen und anderer Software erwirbt man beim Kauf eine unbegrenzte Nutzungslizenz, die je nach Umfang zwischen 40 € für eine einfache Buchhaltung und 250 € für die vollumfängliche Version für Server-Umgebungen liegt. Es gibt eine 60 tägige kostenfreie Testphase und spätere Upgrades zum ermäßigten Preis, falls man doch mehr Funktionen braucht.
Von Anfang bis Ende
Besonders gut gefiel mir, dass mit dem Programm ein kompletter Warenbewegungs-Workflow abgebildet werden kann: Von Einkauf, Inventar und Angebot geht es über Rechnungsstellung weiter zur Garantie-Überwachung. So bleiben alle Prozesse transparent und nachvollziehbar.
Zur Kostenüberwachung verfügt das Programm zudem über eine Budget-Planung, bei der Buchungen entweder einzeln oder in wiederkehrendem Rhythmus (Tage, Wochen, Monate) eingestellt werden können. Ein Soll-Ist-Vergleich hilft dabei, bei Abweichungen rechtzeitig gegenzusteuern.
Ein zusätzlicher Bonus des Programms besteht in den Reisekostenabrechnungen: Mithilfe von Google Maps können Entfernungen direkt in das Programm übernommen werden. Alle weiteren Kosten, wie z.B. Verpflegungspauschalen, können ebenfalls direkt erfasst werden. Das ist besonders für Soloselbständige von Vorteil, die sich bereits angewöhnt haben, nach jeder Reise sofort Ihre Daten zu erfassen.
GoBD und Schnittstellen zur Finanzverwaltung
Den Grundsätzen ordnungsgemäßer Buchführung wird entsprochen, wenn die Funktion zur Festschreibung der Buchungen genutzt wird. Für die Grundaufzeichnungen sind ggf. weitere Programme (DMS, etc.) erforderlich.
Die zahlreichen Schnittstellen ermöglichen den Export für e-Bilanzen und auch für Einnahmen-Überschuss-Rechnungen. Buchungen können über einen Export im DATEV-Format an die gängigen Programme der steuerberatenden Berufe übergeben werden und auch ein Export für die Finanzverwaltung (GDPdU) ist vorhanden.
Importe und Exporte für Online-Banking werden mit den gängigen Formaten unterstützt, wurden aber nicht getestet.
Fazit
Wer gerne mit Linux arbeitet und seine Daten nicht bei Drittanbietern in einer Cloud speichern möchte, sollte dieses unscheinbare Programm unbedingt einmal testen. Auch wenn sich das Programm bezüglich der Bedienbarkeit tendenziell an Buchhaltungs-Fachkräfte richtet, sind gerade die vielen Schnittstellen ein Pluspunkt, da oft noch Daten aus dem Linux-Ökosystem heraus transferiert werden müssen. Für die Zielgruppe der Freiberufler, Soloselbständigen, KMU und Vereine ist das Programm daher eine ernstzunehmende Alternative.
Die einzelnen Punkte
➕ positiv
- Ausführliche Dokumentation mit Beispiel-Buchhaltung
- e-Rechnungen können ausgelesen und erstellt werden
- Festschreiben der Buchungssätze möglich
- Schnittstellen für e-Bilanz, Elster und GdPDU vorhanden
➖ negativ
- Neulinge brauchen eine umfangreichen Einarbeitung
- Die Bilanz muss selbst zusammengestellt werden (nur Profis zu empfehlen)
- Keine Rückmeldung bei der Verarbeitung von Buchungen
- Unterstützt primär Excel, Export nach LibreOffice ist über csv-Datei möglich
🆗 weitere Features
- Verarbeitung von Belegen mit maschinellem Lernen (KI)
- laufende Inventur mithilfe der programminternen Inventarliste
- Schnittstellen für Online-Banking vorhanden (nicht getestet)
- Konsolidierung mehrerer Datensätze möglich (z.B. für Umsatzsteuer)
- Angebotserstellung, Warenwirtschaft und Garantie-Überwachung
Zur Anbieter-Seite: www.mcrichter.de







