Für Selbständige, die derzeit überlegen auf Linux umzusteigen, stellt sich letzten Endes auch die Frage, mit welcher Software sie ihre Buchhaltung durchführen möchten. Eine mögliche Lösung bietet die Open-Source-Software GNU Cash, die nicht nur kostenfrei verfügbar ist, sondern zudem von einer aktiven internationalen Community getragen wird, welche die Anwendung kontinuierlich weiterentwickelt und verbessert.
Für meinen Test habe ich einen Monat lang parallel mit GnuCash gearbeitet. Als gelernter Steuerfachwirt lag mein Fokus dabei auf die Nutzerfreundlichkeit und Anwendbarkeit in der Praxis.
Installation
Die Installation erfolgt schnell und unkompliziert über die Anwendungsverwaltung, vergleichbar mit der Installation einer App über den Playstore auf Android-Smartphones. Da das Programm viele einzelne Tabellendokumente erstellt, empfiehlt es sich einen separaten Ordner mit Unterordnern für die einzelnen Jahre anzulegen. Für digitale Belege empfiehlt es sich zudem einen weiteren Ordner anzulegen. Und für alle, die noch kein Linux haben, gibt es auch eine Windows-Variante.
Anwenderkreis
Das Programm bildet sowohl Bilanzbuchhaltung als auch Einnahmen-Überschuss-Rechnung ab. Die Standardkontenrahmen sind jedoch nur in vereinfachter Ausführung enthalten. Wer mehr Konten braucht kann diese manuell hinzuzufügen. Darüber hinaus gibt es branchenspezifische Kontenrahmen, z.B. für Hausverwaltungen.
Nutzeroberfläche
Die Nutzeroberfläche ist simpel und überschaubar gestaltet, sodass erfahrene Buchhalter*innen sich intuitiv zurechtfinden können. Der Arbeitsprozess gestaltet sich dabei so, dass die Menü-Leiste von Links nach Rechts abgearbeitet werden kann. Die Auswertungen sind recht simpel und zweckmäßig.
Bedienbarkeit
Der Einstieg ist dank eines Hilfedokuments möglich und auch eine WIKI ist Vorhanden. Ungewöhnlich fand ich die Bildung der Buchungssätze, da diese in der Logik „Herkunftskonto… buchen an…“ (Haben-an-Soll) erfasst werden. Als erfahrener Buchhalter hatte ich große Schwierigkeiten beim Buchen über den Buchungssatz.
Alternativ kann aber auch über die Kontenansicht gebucht werden: Die Buchungen werden direkt ins Kontoblatt eingetragen und man legt nur fest, welches Gegenkonto gebucht werden soll und ob der Betrag im Soll oder Haben steht. Das sollte für erfahrene Buchhalter*innen kein Problem sein; persönlich finde ich das sogar eine gelungene Alternative zur klassischen Buchungszeile.
Vorerfahrung
Sie sollten Kenntnisse in der Buchhaltung haben. Besonders knifflig wird es bei der Umsatzsteuer, da alle Umsatzarten, Steuersätze und Kontenverknüpfungen selber angelegt werden müssen. Neulingen ist daher dringend geraten, sich Hilfe zu holen, da sonst die Gefahr besteht, dass Umsatzsteuern nicht korrekt ermittelt werden. Für den Elster-Export sollten Sie wissen, wie das Formular ausgefüllt wird, damit Sie die Kennziffern richtig zuordnen können.
Budget-Funktion
Anhand der bereits erstellten Buchungen kann ein Budget für die Folgemonate erstellt werden. Es können auch Werte einzeln angepasst oder fortgeschrieben werden. Ein Soll-Ist-Vergleich hilft Ihnen dabei, die Entwicklung der Kosten zu überwachen und rechtzeitig gegenzusteuern.
GoBD und Finanzverwaltung
Es ist möglich, Buchungen festzuschreiben und die Option sollte auch verwendet werden. Die Entwickler empfehlen die Akzeptanz der Software vorab mit dem Finanzamt zu klären, was ich für wenig praktikabel halte. Eventuell ist eine separate Software nötig, um die Grundaufzeichnungen revisionssicher zu speichern.
Und da kommen wir auch zum größten Schwachpunkt des Programms: Die Schnittstellen. Ein Export nach ELSTER soll über ein separates und kostenpflichtiges Programm möglich sein, wurde aber nicht von mir getestet. Es fehlt auch ein Export für die Finanzverwaltung (GDPdU), was ein Risiko bei einer Betriebsprüfung darstellt. Ein möglicher Umweg besteht über den Export in eine Drittsoftware, z.B des Steuerberaters, die hierfür nötige Exportfunktion soll über ein separates Tool erhältlich sein, welches sich zum Zeitpunkt der Recherche noch im Aufbau befand.
Alternativ bleibt nur das Abtippen der Kennzahlen, was bei kleinen Unternehmen durchaus eine Option wäre.
Fazit
Grundsätzlich ist das Programm eine interessante Alternative, die man im Blick behalten sollte. Gerade die fehlenden Schnittstellen machen die Anwendung in meinen Augen leider sehr zeitaufwendig, insbesondere wenn häufig Daten übermittelt werden müssen, z.B. bei monatlichen Voranmeldungen. Für Kleinunternehmer ohne Umsatzsteuer mit Einnahmen-Überschuss-Rechnung wäre das Programm durchaus eine praktikable Alternative.
Die einzelnen Punkte:
➕ positiv
- PDF-Dateien können verknüpft werden
- Auftragsverwaltung inkl. Verknüpfung mit Rechnung vorhanden
- Rechnung erstellen (e-Rechnung bisher nur über separate Software möglich)
- Festschreiben der Buchungssätze möglich
➖ negativ
- Die Buchungslogik ist gewöhnungsbedürftig
- Umsatzsteuer-Fachwissen erforderlich, Zuordnung muss einmalig manuell erfolgen
- Daten-Austausch mit Finanzverwaltung z.T. noch in der Entwicklung
🆗 vorhandene Features
- einfache Standartkontenrahmen
- Bei Kunden (Debitoren) kann ein Kreditrahmen hinterlegt werden
- Schnittstelle für Online-Banking (HBCI) vorhanden, aber nicht getestet
- Einfacher Darlehensrechner
Zur Anbieter-Seite: www.gnucash.org



